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Montag, 31. Oktober 2011

Eigentlich geht es uns vergleichsweise noch immer gut


Zum Monatsende 
eine fast philosophische Betrachtungsweise 
der Situation in Ellas 


Das Wetter ist schön heute, in etwa so, wie es auch in Deutschland zu sein scheint: Sonnenschein, im Schatten kühl, in der Sonne jedoch recht angenehm, ein wunderschöner Herbst-Sonntag.
Praktisch, denn da muss die Heizung nicht eingeschaltet werden, allerdings ist es draußen wärmer als drinnen. So entscheide ich mich zu einem Spaziergang in den Ort - mal wieder etwas anderes zu sehen und zu hören als die ewigen Hiobsbotschaften tut sicherlich auch mal wieder gut.
Ich gehe alleine, möchte meine Gedanken ordnen, wäre jetzt ohnehin keine gute Gesellschaft.

Vor den Cafeterias stehen Tische, Stühle, bequeme Sessel, die einfach zu einladend aussehen, also wird im Kopf schnell überschlagen, ob man sich am Monatsende noch einen Kaffee auswärts leisten kann.
Die Entscheidung ist schnell getroffen, denn die 2 Euro 50 für eine Tasse Kaffee, die müssen jetzt einfach mal drin sein.

Mein Kaffee wird gebracht, ich baue mir eine Zigarette – ja, ich gehöre zu den Rauchern und schäme mich nicht, das zu sagen, allerdings wird der Tabak mit Kräutern gestreckt, mehr als 20 bis 25 Euro im Monat sind nicht mehr drin fürs Rauchen.

Ich schließe kurz die Augen und genieße die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.
Entspannung.
Endlich mal nichts über „die Krise“ hören müssen.
Für kurze Zeit einfach nur Sein.

Gedanken an den bevorstehenden Umzug, der sein muss, weil die Miete nach all den Kürzungen unbezahlbar geworden ist.

Wenn wir das vor zwei Jahren gewusst hätten, dass heute fast 400 Euro weniger reinkommen würden, ... 
Schade, dass sich unsere Vermieterin, die in Deutschland lebt,  nicht auf die übliche Mietkürzung von 20 % einlassen wollte. Aber wie sollte sie auch, sie hat ja keine Ahnung, wie es hier tatsächlich abläuft …
Klar, wir könnten auf die Mietminderung bestehen, so leicht würde sie uns nicht aus dem Haus bekommen, aber wir wollen einfach in Ruhe leben können, nicht noch mehr Psychostress haben. Und wer hätte vor zwei Jahren angenommen, dass ein Lehrer plötzlich gerade noch 1.100 Euro im Monat verdienen würde ….

Schluss mit diesen Gedanken, du hast deinen Kaffee in Ruhe und ohne Probleme zu wälzen genießen wollen, vermies ihn dir jetzt nicht!
Relax, klar?!

Gesicht wieder in die Sonne.
Durchatmen.

Vielleicht wäre es doch besser, wenn wir nach Deutschland zurückgingen. Schließlich gibt es dort noch eine soziale Struktur, irgendwie würden wir das schon noch mal hinbekommen. Ich meine, ich bin schließlich Deutsche, gehöre noch nicht ganz zum alten Eisen und …

Stopp!
Hast du schon vergessen, wie es deinem Vater geht?
Ein echter Self-made Man war er, hatte es mit seiner einfachen Ausbildung zum Personalchef und Prokurist einer großen Firma gebracht.
Während seiner späteren Selbstständigkeit hat er brav in Rentenversicherungskassen eingezahlt …. Wie hieß das noch mal? Ach, ja „Freiwillige Pflichtversicherung“ war die Bezeichnung, die in sich schon den Gegensatz barg, den Papa heute zu spüren bekommt.
Wie viel Rente bekommt er jetzt?
Hätte er das Geld mal besser verlebt, verspielt, verschenkt oder sonst was damit getan, er bekommt kaum was zurück von dem, was er einbezahlt hat.
Also, soooo gut ist es ja in Deutschland auch nicht mehr, die „fetten Jahre“ sind schon lange vorbei, auch dort bedienen sich einige Wenige auf Kosten des Fußvolkes, nur dass es subtiler abläuft, nicht ganz so nach der Holzhammer-Methode wie hier, aber für wie lange noch, bis auch dort die Katze endgültig aus dem Sack gelassen wird …?

Mein Kaffee, den hatte ich ja ganz vergessen. Schade, nun ist er kalt.
Aber du hast ihn bezahlt, also wird er auch getrunken! Außerdem soll kalter Kaffee ja bekanntlich schön machen, oder?

Gesicht wieder in die …. Ups, jetzt ist die Sonne nicht mehr da!

Na, auch nicht so schlimm, die Temperatur ist noch angenehm, ich bastle mir noch eine zweite Zigarette, und danach werde ich gehen. Nur noch ein bisschen genießen, entspannen, …

„Ja, so ist es halt jetzt. Vor fünf Monaten haben sie mich rausgeworfen, jetzt hat auch Dimitra ihre Arbeit verloren. Geld für Heizöl haben wir nicht, aber Gott sei Dank hat meine Mutter einen Holzofen und wir können Kosta zu ihr schicken. Wir halten die Kälte schon aus, aber der Junge muss für die Schule lernen. Irgendwie haben wir doch auch Glück in der ganzen Misere, findest du nicht? Und dann …..“

Die beiden Männer, die langsam an mir vorbeigegangen sind, entfernen sich, ich kann nichts mehr verstehen.

Wie war das?
Beide Eltern keinen Arbeitsplatz mehr, kein Geld für Heizöl und der Sohn geht zur Oma, damit er es warm hat?
Ach ja, ein Sozialamt gibt es hier ja nicht, die Menschen müssen selbst schauen, wie sie klarkommen.
Gut, dass da noch eine Oma ist, der Mann hat Recht.
Wie alt mag Kostas wohl sein?
Was mag der Junge bei dem Ganzen wohl fühlen?

Ich schäme mich.

Wir müssen umziehen, aber das neue Häuschen ist nicht schlechter als das, in dem wir bis jetzt gewohnt haben, nur dass die Vermieterin eine niedrigere Miete verlangt, weil sie weiß, wie die Dinge hier laufen.
Wir müssen sparen, ja, aber unsere Tochter muss nicht zur Oma, damit sie es einigermaßen warm hat.
Die Gefahr, dass Lehrer, die schon über 12 Jahre im Dienst sind, entlassen werden, besteht noch nicht – und ich hoffe, sie wird nie bestehen – wir haben 200 Liter Heizöl, die wir mitnehmen werden, und auch, wenn wir damit sparsam umgehen müssen, so werden wir nicht frieren, da wir die Erlaubnis haben, einen Holzofen aufzustellen. In älteren Häusern geht das eben.

Ich möchte jetzt nach Hause, habe plötzlich große Sehnsucht nach meiner Tochter.
Die 2 Euro 50 für meinen Kaffee und 50 Cent Trinkgeld - mehr geht leider nicht - lasse ich auf dem Tisch liegen.

Während ich nach Hause gehe, verschwindet langsam das Schamgefühl, und es macht der lang ersehnten Entspannung Platz.
Mein Blick wandert zu den Bergen, hinter denen die Sonne untergeht.
Die können sie uns nicht ausknipsen, und auch nicht die guten Beziehungen zu unseren Nachbarn, das schöne Klima und … die pure Freude am Leben schlechthin, wenn auch mit weniger Geld.

Ja, eigentlich geht es uns vergleichsweise noch immer gut.

Kommentare:

  1. Typisches Vokabular einer Griechin: "selfmade man", "game over"...

    Das Geseiere erscheint mir zu durchsichtig, als dass ich es für etwas Bezeichnendes und Maßgebliches halten könnte.

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  2. @Lux,
    selbstverständlich respektiere ich Ihre Meinung, die vielleicht auch andere Leser teilen, auch wenn ich nicht verstehen kann, was Sie damit meinen, wenn Sie mein leeres Gerede als "durchsichtig" bezeichnen.
    Das ist auch nicht notwendig, viel wichtiger ist es - schon um etwaigen weiteren, klischeehaften Kommentaren vorzugreifen - ausdrücklich klarzustellen, dass es sich bei dem Vokabular NICHT um "Typisches Vokabular einer Griechin" handelt:

    Ich bin deutsche Staatsbürgerin mit deutschen Eltern, in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen, habe dort meine Ausbildung erfahren und bin erst recht spät nach Griechenland gegangen.
    Das alles jedoch kann meinem Blog problemlos entnommen werden.

    Da dieser Blog genau DAS GEGENTEIL DESSEN, WAS IHR KOMMENTAR ZUM AUSDRUCK BRINGT, erreichen möchte, nämlich ein Überdenken stereotyper Phrasen wie "Typisch Grieche", "Typisch Deutsche", "Typisch ...", war das Kommentieren Ihres ansonsten durchaus interessanten Kommentares notwendig.

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  3. Liebe Frau Efthimiadis!
    Ich bin erst seit kurzem online, aber lese Ihre Berichte mit grossem Interesse. Ich bin auch eine in Griechenland lebende Deutsche, habe einen griechischen Mann und einen Sohn (fast 9). Ich bin 1997 als Touristin "haengengeblieben". Es freut mich, dass Menschen wie Sie der deutschsprachigen Welt ein sehr realistisches Bild der griechischen Situation wiedergeben. Es wuerde mich sehr freuen, wenn Sie mit mir in Kontakt treten wuerden und hoffe auf eine Antwort.

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  4. Tja, der ganze Artikel ist nicht wirklich überraschend.

    Es ist schon witzig wie gerne sich die Leute ausbeuten lassen. Jeder weiss, dass das System am Ende ist. Nur die Menschen wollen immer noch so weiter machen. Was liegt ihnen an einem System das mehr Geld für Waffen und Banken ausgibt als für die Erforschung von Krankheiten und Technologie die es uns erlauben würden nachhaltig zu leben.

    Ich glaube ja, dass es erst zu einem grossen Crash kommen muss, damit die Leute zumindest mal anfangen aufzuwachen.

    Für alle die interessiert sind etwas besseres aus unserer Gesellschaft zu machen hier ein Link:

    www.thezeitgeistmovement.com

    Gibt's auch in Griechenland.

    Jeder muss sich die Frage stellen, ob es ihm das wert ist, für das aktuelle System zu arbeiten und im Zweifel auch zu sterben.
    Besser wird es nur wenn jeder einzelne es will und aktiv daran arbeitet!

    The Revolution is NOW!
    The Revolution is YOU!

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